Applikativ

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Als Applikativ bezeichnet man die abgeleitete Form eines Verbs, die im Vergleich zum nicht-applikativen Verb einen zusätzlichen nicht selbst agierenden Handlungsteilnehmer besitzt. Ist das nicht-applikative Verb bereits transitiv, so kann das direkte Objekt dabei durch den neuen Handlungsteilnehmer ersetzt werden.

Beispiele für verschiedene Ausprägungen der Applikativkonstruktion

Die folgenden Fallbeispiele demonstrieren einerseits die Vielfalt an existierenden Applikativarten, andererseits auch die verschiedenen innersprachlichen Gegebenheiten bezüglich der Applikativkonstruktion.

Unproduktive Applikativderivation

Im Deutschen verwendet man unproduktiv ein Präfix be- zur Bildung von Applikativverben, das jedoch auch für andere Zwecke wie z. B. zur Ableitung von Verben aus Nomen und Adjektiven Anwendung findet. Unproduktiv heißt hier, dass das Präfix nicht mit allen Verben verbunden werden kann und dass die Bedeutung, die ein Applikativverb hat, nicht vorhersagbar ist.

(1) Horst be-läd-t den Wagen mit Heu.
Horst APPL-laden.PRS-3s DEF.ACC.ms Wagen.ACC mit Heu.DAT

Das gleiche Phänomen findet sich im Kolyma-Jukagirischen, Beispiele siehe im Hauptartikel zu dieser Sprache.

Produktive Applikativbildung nur für Lokalangaben

Die isolierte Sprache Ainu (gesprochen in Japan, Quelle: Peterson 2002) besitzt ein Applikativ-Präfix, das lokale Adverbialbestimmungen als Objekt einführen kann.

(2) poro cise e-horari
groß Haus APPL-wohnen
‘Er bewohnt ein großes Haus.’

Obligatorischer Applikativ

In der sinotibetischen Sprache Kham (gesprochen in Westnepal, Quelle: Watters 2003) gibt es ein Suffix zur Ableitung von Benefaktiv-Applikativen, das in Kongruenz nach Person und Zahl mit dem applikativen Argument steht.

(3) no-e ŋa-lai o-bənduk sətəĩ-d-yãː-ke-o
3s-ERG 1s-OBJ 3s.POSS-Gewehr zeigen-NFUT-BEN.APPL.1sP-PFV-3sA
‘Er zeigte mir sein Gewehr.’

Ist das tatsächliche Patiens der Handlung im Besitz von jemandem, so muss dieser Besitzer als applikatives Argument in den Satz eingebunden werden. Ein solcher Satz ohne Applikativkonstruktion ist ungrammatisch, wie Beispiel (5) zeigt.

(4) no-e nə-ẽːh kiː-d-ĩː-ke-o
3s-ERG 2s.POSS-Feld pflügen-NFUT-BEN.APPL.2sP-PFV-3sA
‘Er pflügte dein Feld (für dich).’
(5) * no-e nə-ẽːh kiː-ke-o
3s-ERG 2s.POSS-Feld [3sP]pflügen-PFV-3sA
‘Er pflügte dein Feld.’

Applikativbildung ohne Verdrängung des Patiens-Arguments

Die Ju-Sprache Juǀˀhoan (gesprochen im Südwesten von Botswana, Quelle: Dickens 2005) hat ein recht einfaches System. Sie verwendet nur ein Suffix -a, das, ähnlich dem deutschen be-, verschiedene Applikative bilden kann. Ist ein Verb bereits transitiv, verdrängt jedoch das neueingeführte Objekt nicht wie im Deutschen das direkte Objekt, sondern wird als sekundäres Objekt in den Satz eingefügt.

Lokativ

Im folgenden Beispiel wird eine Ortsangabe als Objekt eingebunden.

(6) Aíá nǀóá-á ´msì tzí
meine Mutter kochen-APPL Nahrung OBJ offen
‘Meine Mutter kochte das Essen draußen (wörtl.: im Offenen).’

Instrumental

Mit dem gleichen Suffix kann jedoch auch das Werkzeug, mit dem eine Handlung ausgeführt wird, als Objekt in den Satz eingeführt werden.

(7) ‖ohm-a !aìhn ǀˀáí
mein Vater fällen-APPL Baum OBJ Axt
‘Mein Vater fällte den Baum mit einer Axt.’

Vielfalt von Applikativen innerhalb einer Sprache

In der sinotibetischen Sprache Hakha Lai (gesprochen im Westen von Myanmar, Quelle: Peterson 2002) gibt es sieben verschiedene Applikativ-Suffixe. Sie differenzieren die Art der Adverbialbestimmung, die als neues direktes Objekt in den Satz eingebunden wird.

Komitativ

Wird eine Handlung zusammen mit jemandem ausgeführt, so kann dieser durch das Suffix -pii als direktes Objekt eingebunden werden.

(8) ka-law ʔan-ka-thloʔ-pii
1s.POSS-Feld 3pA-1sP-hacken-COM.APPL
‘Sie hackten mein Feld zusammen mit mir.’

Instrumental

Das Werkzeug, mit dem eine Handlung ausgeführt wird, kann mit dem Suffix -naak als direktes Objekt eingebunden werden.

(9) tiilooŋ khaa tivaa kan-Ø-tan-naak
Boot DEM Fluss 1pA-3sP-überqueren-INS.APPL
‘Mit einem Boot überquerten wir den Fluss.’

Allativ/Malefaktiv

Mit dem Suffix -hnoʔ werden Verben gebildet, die ein Ziel oder einen Geschädigten einer Handlung als direktes Objekt einbinden.

(10) kheeŋ ʔa-ka-hloʔn-hnoʔ
Geschirr 3sA-1sP-werfen-ALL.APPL
‘Sie warf Geschirr nach mir.’

Benefaktiv/Malefaktiv

Das Suffix -piak bezeichnet Verben, die einen Nutznießer oder Geschädigten einer Handlung hervorheben.

(11) maʔ khan vantsuŋmii=niʔ tsun tleempii ʔantiimii tsuu ʔan-taat ʔan-Ø-taat-piak=ʔii...
dann DEM Engel=ERG DEM große Holzplatte wie sie sagen DEM 3pS-schleifen 3pA-3sP-schleifen-BEN.APPL=und
‘Dann schliffen und schliffen die Engel die sogenannte große Holzplatte für ihn und...’

Additional-Benefaktiv

Mit dem Suffix -tseʔm werden Verben versehen, wenn eine Handlung zugunsten des Handlungsträgers und zusätzlich zugunsten der hervorzuhebenden Person geschieht. Eine solche Applikativkonstruktion ist, soweit bekannt, weltweit einmalig.

(12) thiŋ ʔa-ka-laak-tseʔm
Holz 3sA-1sP-schleppen-ADBEN.APPL
‘Er trug auch für mich Holz (nicht nur für sich selbst).’

Prioritiv

Soll ausgedrückt werden, dass der Handlungsträger die Handlung zeitlich oder räumlich vor jemandem ausgeführt hat, so kommt das Suffix -kaʔn zur Anwendung. Wie die Additional-Benefaktiv-Konstruktion (siehe oben) ist auch die Prioritiv-Konstruktion nur im Hakha Lai anzutreffen.

(13) booy ʔa-kan-ton-kaʔn
Anführer 3sA-1pP-treffen-PRIOR.APPL
‘Er traf den Anführer vor uns.’

Relinquitiv

Wenn der Handlungsträger vor oder nach Ausführung der Handlung jemanden oder etwas zurücklässt, kann dieser bzw. dieses als direktes Objekt in ein Verb mit dem Suffix -taak eingebunden werden. Auch die Reliquitiv-Konstruktion ist sehr selten, findet sich aber möglicherweise noch in einigen anderen Sprachen.

(14) ʔalaw ʔa-kan-thloʔ-taak
sein Feld 3sA-1pP-hacken-RELINQ.APPL
‘Er verließ uns und hackte sein Feld.’

Unterarten

Je nach Art der als Argument eingeführten Adverbialbestimmung kann man verschiedene Unterarten der Applikative differenzieren. Einige der hier verwendeten Bezeichnungen entstammen der Arbeit von David A. Peterson (2002).

Weitere Arten, für die sich noch keine Bezeichnungen durchgesetzt haben, findet man beispielsweise im Zentralalaska-Yup'ik, siehe im Hauptartikel über diese Sprache.

Wortherkunft

Die Bezeichnung Applikativ kommt von lat. applicātum (angefügt). Der Begriff wurde bereits im 17. Jahrhundert durch Missionare in Mittelamerika verwendet („verbos applicativos“), die Uto-Aztekische Sprachen erforschten.

Siehe auch

Referenzen

Grammatiken

  • Dickens, Patrick J.: A Concise Grammar of Juǀˀhoan. (Quellen zur Khoisan-Forschung 17) Köppe-Verlag Köln 2005. ISBN 3-89645-145-6.
  • Watters, David E.: A Grammar of Kham. Cambridge University Press, Cambridge MA 2002.

Allgemeine Literatur

  • Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Kröner-Verlag, Stuttgart 2002. ISBN 3-520-45203-0.
  • Peterson, David A.: Applicatives. Erweiterte Neuauflage der Dissertation, 2002. Noch nicht erschienen.

Andere Sprachen